Jakobsweg: Von Zürich nach Salzburg - Abschnitt 2

von am Dienstag, 29. August 2017
Liebe Belles und Beaus, liebe Freunde des Pilgerns

Nach dem ersten Beitrag über den Schweizer Pilgerweg Richtung Salzburg habe ich nun weitere 330 Bilder und Videos bearbeitet, Gedanken sortiert und Geschichten gebündelt. In diesem Beitrag zeige ich euch jetzt die besten Momente und interessantesten Geschichten aus dem Vorarlberg und dem Tirol bis hin nach Innsbruck.


Nachdem mich auf den ersten drei Tagen zwei Freunde begleitet haben, wanderte ich ab Wattwil alleine Salzburg entgegen. Das Alleinsein und besonders das Alleine-Unterwegs-Sein ist eine Situation, welche bei den meisten Verwunderung, bei manchen Bewunderung, bei wenigen Verständnis und bei vereinzelten auch Unbehagen auszulösen scheint. "Du machst den ganzen Weg alleine? Ist das nicht langweilig und ziemlich einsam?" Nein, nicht für mich. Denn wer allein ist, muss nicht einsam ein.
Alleine zu wandern gibt mir die Möglichkeit, mich völlig auf mich und meine Umgebung zu fokussieren. Ich geniesse die Ruhe der Natur, den Fluss meiner Gedanken und Bewegungen; die Regelmässigkeit der Schritte und das rhythmische Klicken der Stöcke. Pilgern ist mein Meditieren. Ich habe Zeit, mich schrittweise frei zu machen, Unwichtiges loszulassen. Diese Zeit gibt mir die Ruhe und Kraft, mich so auch wieder gegen aussen zu öffnen.


Jeder sollte… 
mit den Sinnen nicht nur denken, sondern sie zu Taten lenken, 
überall im ganzen Leben, das Erlernte weiter geben, 
Stress und Hektik überwinden, täglich auch zur Ruhe finden, 
nicht nur an sich selber denken, Andern auch viel Freude schenken, 
Verrücktes tun und nicht bereu'n, an kleinen Dingen sich erfreu'n, 
nicht nach hohen Zielen streben, ruhig und genügsam leben, 
sich von Habsucht distanzieren, nicht den Überblick verlieren, 
stets spüren, was in Wahrheit zählt, vergessen das, was ständig quält, 
erleben, was das Herz gern mag, die Liebe pflegen – jeden Tag. 
 - Horst Rehmann 


Wer in seiner freien Zeit nichts als Zerstreuung sucht, 
hat so gut wie keine Chance, zu sich selbst zu finden. 
- Ernst Ferstl



ETAPPEN
6. Feldkirch - Bludenz: 27km
7. Bludenz - St. Christoph (Übernachtung in St. Anton): 35km
8. (Rücktransfer nach) St. Christoph - St. Anton - Flirsch: 15km
9. Flirsch - Landeck/Zams: 18km
10. Landeck/Zams - Roppen: 29km
11. Roppen - Flaurling: 28km
12. Flaurling - Innsbruck: 30km


Landeck - Zams

ÜBERNACHTUNG IN VORARLBERG UND TIROL
Die Übernachtungsmöglichkeiten im Vorarlberg und Tirol lassen sich gut mit jenen in der Schweiz vergleichen. Es gibt ab und an Pilgerherbergen, jedoch muss man oft auf Pensionen oder Hotels ausweichen. Zudem sollte man sich mindestens einen Tag zuvor um die Unterkunft kümmern, wenn man das Pilgerbudget nicht sprengen möchte. Denn oft findet man sich am Ende des Tages in einem kleinen Dorf wieder, in welchem die Unterkunftsmöglichkeiten sehr limitiert sind.
Ein kleiner Tipp: immer nach Pilgerrabatten fragen! Oft gibt es in Hotels kleinere und dadurch günstigere Zimmer oder einfach nette Gastgeber, welche ein Herz für Pilger haben.


Kloster Sankt Peter in Bludenz / Hotel Schwarzer Adler in St. Anton a.A.
Hotel Troschana in Flirsch / Hotel Mozart in Landeck-Zams
Gasthof Goldener Adler in Flaurling


NAVIGATION UND WEGWEISER
Gleich nach meiner Ankunft in Österreich besorgte ich mir beim Anbieter A3 für 20 Euro eine Wertkarte samt österreichischer Nummer. Da wir in der Schweiz immer noch Roaming Gebühren zahlen, lohnt sich diese Investition schnell. Ich habe mich bewusst für die Erreichbarkeit und den Internetzugang entschieden, da mir mein Handy in Sachen Navigation, Unterkunftsbeschaffung und natürlich auch in allfälligen Notsituationen schnell und einfach Hilfe bietet.
Grundsätzlich ist der Weg in Österreich gut ausgeschildert, wenn man von der richtigen Seite her kommt. Wenn man die entgegengesetzte Richtung geht wie ich, übersieht man die Schilder oft und sollte sich an die Wegbeschreibung von mitgeführten digitalen oder analogen Karten halten. Andernfalls kommt man wie ich nach einer Stunde gehen wieder am Startpunkt der Tagesetappe an...

Den Gasthof Goldener Adler in Flaurling habe ich nach 
einer Stunde des Herumirrens nochmal passiert...


PILGERIN ODER DOCH WANDERIN?
An meinem zweiten Tag in Österreich führte ich eine Unterhaltung mit einer Nonne, welche mich bis heute noch nachdenklich stimmt. Sie hat mich mit folgender Aussage konfrontiert:
"Du bist ja gar keine Pilgerin, wenn du nicht nach Santiago gehst, sondern nach Salzburg."
Sofort hatte ich das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Ich sei ja auf dem Jakobsweg. Und nach Santiago de Compostela sei ich 2013 und 2015 gegangen, nach Rom 2014.
Doch was ist ein Pilger heutzutage überhaupt noch? Was macht das Pilgern aus? Ab wann darf man den Pilgerpass beantragen, Pilgerherbergen in Anspruch nehmen und sich das Pilgermenü bestellen? Wie kommt man vom Wandern zum Pilgern?
Pilgern heisst für mich, auf dem Weg zu sein - physisch und psychisch. Pilgern ist eine innere Sehnsucht, ein Besinnen und Öffnen, ein Festigen und Neu-Erfahren, alleine und zusammen mit anderen. Es ist ein stetiges Zusammenspiel von Innen und Aussen, von Vergangenem und Gegenwärtigem. Es ist das Selbst-Bewusstsein, sich in der Welt zu positionieren und zu bewegen.
Doch inwiefern spielt da das Pilgerziel Santiago de Compostela und der religiöse Hintergrund des Pilgerns im Jahre 2017 noch eine Rolle?
Bis heute kann ich die Antworten auf all diese Fragen nicht zufriedenstellend formulieren. Aber ist es überhaupt notwendig, die Grenzen zwischen Wanderin, Pilgerin oder Geherin zu ziehen? Muss ich mich als das eine oder das andere definieren?


ARLBERG
An meinem dritten Tag in Österreich erreichte ich eines meiner Highlights auf dem Weg: den Arlbergpass! Dieser befindet sich auf der Höhe von 1780 M.ü.M. und der gleich darauf folgende Maiensee ist mit seinen 1865 M.ü.M. -  sogar noch vor den Pyrenäen - der höchste Punkt auf dem ganzen Jakobsweg.
Leider spielte das Wetter wieder einmal nicht so ganz mit, so dass ich den Pass leider nur im Nebel, bei 8 Grad und Regen passieren konnte. Mit dem Pass überquerte ich dann auch die Grenze vom Vorarlberg zum wunderschönen Tirol.

ST. ANTON
Der Arlberg, welcher seinen Namen durch seine unzähligen Arlenbüsche bekam, ist besonders durch den Wintersport bekannt, da hier bereits 1901 der Skiclub Arlberg gegründet wurde. Aber auch im Sommer hat die Umgebung des Stanzertals zwischen den Lechtaler Alpen und der Verwallgruppe tolle Wanderstrecken und hübsche Bergdörfer zu bieten. Allen voran sind mir besonders St. Christoph, St. Anton und die Ortschaft Schnann mit dem Naturdenkmal Schnanner Klamm im Gedächtnis geblieben.


Wer nicht zum kleinen Pilgerpreis im Alberg Hospiz Hotel in St. Christoph übernachten möchte, dem kann ich wärmstens eine Übernachtung im 2'400 Seelendorf St. Anton am Fusse des Arlberg-Passes empfehlen. Hatte ich bis dahin "nur" in Pilgerherbergen, Jugendherbergen und Privatunterkünften Unterschlupf gefunden, wurde ich im Bergdorf St. Anton eingeladen, im Hotel Schwarzer Adler zu nächtigen. Ich durfte in einem Doppelbett schlafen, Fernseh schauen, meine Kleidung waschen und ein wahnsinns 7-Gang Menü verspeisen. Privilegien, welche ich besonders beim Wandern wieder sehr zu schätzen weiss.
Das Gala Dinner war eine der Situationen, an welche ich mich bestimmt noch Jahrzehnte zurückerinnern werde. Nicht nur, weil ich mit abgeklebten Zehen und Flip Flops in einem Saal voller Paare und Familien alleine solch ein Essen genoss, sondern vor allem, weil ich ein bisschen überfordert war, wann ich welches Besteck zu brauchen hätte. Wer hätte gedacht, dass nicht die Pilgerstrecke oder meine körperliche Verfassung mir Kopfzerbrechen bereiten würden, sondern das Essen in einem 4* Hotel? Ach, die Sorgen einer Luxuspilgerin!


Im Alltag erlegen wir uns täglich tausend kleine Dinge auf, welche wir unbedingt machen müssen. Kleine, unwichtige Dinge, die unseren ganzen Alltag strukturieren, unser Leben füllen. Beim Pilgern sind jedoch nur etwas zu essen und zu trinken, sowie ein Ort zum Schlafen von Belangen. Dinge wie duschen, saubere Kleidung, gutes Wetter usw. machen den Pilgeralltag zwar definitiv leichter und angenehmer, sind im Grunde aber nicht wichtig. Durch das reduzierte Leben mit dem Rucksack als zuhause wird einem erst wieder bewusst, wie bequem wir unser Leben zuhause gestalten, wieviele Dinge wir um uns scharren, wie verwöhnt wir sind. Dabei sind die wichtigsten Dinge in unserem Leben gar keine "Dinge".
Dieses Bewusstwerden und das kontinuierliche Hinterfragen des eigenen Lebensstils ist meiner Meinung nach eines der wichtigsten Ziele, welches man sich als Pilger/in setzen sollte.


Ein weiteres Highlight dieses Abschnitts war das Stift Stams, bei welchem ich mir eine kleine Führung durch die Räume der klösterlichen Gemeinschaft der Zisterzienser gönnte. Besonders hatte es mir die barockisierte Basilika mit dem 19 Meter hohen, vergoldeten Lebensbaum-Altar mit seinen 84 holzgeschnitzten Figuren, sowie der reich geschmückte Bernardisaal angetan. (Und der Backhendlsalat in der dazugehörigen Orangerie! Mmmmhhh...)
Zudem gelangt man über eine kleine Hängebrücke zur neugotischen, im Jahr 1901 errichtete Wallfahrtskirche Maria Lochergut samt Gnadenkapelle, welche 1871 nach der wundersamen Heilung der todkranken Maria Kalb aus Rum bei Innsbruck ihre Bedeutung bekam.

Maria Lochergut vor der Mieminger Kette

"Bäume sind Heiligtümer. Wer mit ihnen zu sprechen, wer ihnen zuzuhören weiss, 
der erfährt die Wahrheit. Sie predigen nicht Lehren und Rezepte, sie predigen,
 um das einzelne unbekümmert, das Urgesetz des Lebens." 
- Hermann Hesse


Arzler Wald


Da ich bei meiner vorgängigen Planung den 17.07. völlig aussen vor gelassen habe, trudelte ich bereits einen Tag früher in Innsbruck ein, als geplant. Da mich die liebe Marina von bonsoir-cherie.ch ab Innsbruck wieder ein paar Tage begleiten wollte, legte ich noch einen zweiten Pausentag in der Tiroler Hauptstadt ein.

Was ich in Innsbruck so getrieben habe, wie die letzte Woche meiner Pilgerreise verlief und wieso ich einige Abschnitte plötzlich nicht mehr zu Fuss gegangen bin, findet ihr nächste Woche auf BELLEMELLE heraus!


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1 Kommentar:

  1. Oh wie schön, so was Ähnliches würde mir auch gefallen... das würde mir bestimmt helfen, zur Ruhe zu kommen und mehr zu mir selbst zu finden. Allerdings würde ich, denke ich, das Radfahren dem Gehen vorziehen, auch wenn es dann ein bisschen weniger ruhig ist auf den befahrenen Strassen und von der Geschwindigkeit her. Auf jeden Fall danke für die Inspiration - jetzt weiss ich, welches Projekt ich als nächstes angehen möchte :-)

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